Der atlantische Archipel Kap Verde zählt 491.575 eingetragene Wähler. Am 17. Mai entschied sich nach Angaben von Modernghana und Inforpress 71315 eine Mehrheit von ihnen gegen die Stimmabgabe. Die Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit Kap Verdes gewann 37 der 72 Sitze in der Nationalversammlung — genug, um zu regieren, nicht genug, um das Land zu überzeugen, dass es darum gebeten habe. Die Enthaltung, sagte João Santos Luís gegenüber Inforpress 15, habe die Wahl gewonnen.
“Eine Mehrheit der Sitze ist eine technische Bedingung. Eine Mehrheit des Vertrauens ist es nicht.”
Das ist nicht neu. Die Wahlbeteiligung in Kap Verde sinkt seit einem Jahrzehnt. Neu ist, dass eine Regierung, die aus einer Rekordenthaltung hervorgegangen ist, nun so regieren muss, als wäre sie erwünscht. Die Parlamentarische Partei äußerte laut Inforpress und weiteren Berichten 23514 ihr Bedauern, das Ergebnis werde die Kammer weiter polarisieren. Man liest das und denkt: Polarisierung ist nicht das dringlichste demokratische Symptom, wenn die Hälfte des Landes nicht mehr erscheint.
Francisco Carvalho, laut RFI, der Deutschen Welle und weiteren Quellen als designierter Premierminister genannt 134624, sprach nach dem Sieg seiner Partei von einem „neuen Kap Verde“, so Inforpress 10. Ein neues Land baut man schlecht mit den Stimmen der alten Hälfte. Die Bewegung für die Demokratie verlor nach Angaben von RFI, Inforpress und der Deutschen Welle ihre absolute Mehrheit 345617; Ulisses Correia e Silva trat laut Inforpress zurück 518; die Partei Jónica Britos verdoppelte ihr Ergebnis und bezeichnete sich laut Inforpress als „eine der Siegerinnen“ 13 — nach eigener Darstellung, weil sie jene Mehrheit verhindert habe. All das geschah in einem Saal, in dem die meisten Stühle leer blieben.
Das Foto neben einem Parlamentsbericht zeigt stets einen weiten, fast leeren Raum — Reihen von Pulten, wenige Gestalten an den Rednerpulten, Licht aus hohen Fenstern. Man stellt sich vor, der Sitzungssaal in Praia werde in der kommenden Legislatur ähnlich aussehen. Nicht, weil die Sitze unbesetzt wären, sondern weil — so möchte man meinen — jene, die dort jemanden hätten sitzen sehen wollen, aufgehört haben, sich dafür zu interessieren, welcher Name dort sitzt. Eine Mehrheit der Sitze ist eine technische Bedingung. Eine Mehrheit des Vertrauens ist es nicht.
Carvalho hat seine Regierung. Die Frage ist, ob er ein Land hat, das glaubt, eine zu brauchen.
